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No.22, 19th Dec 2010
 

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Wahrheit und Recht

Zum Erbe Dietrich Bonhoeffers

 


Martin Stöhr

 

 

Wer ist Dietrich Bonhoeffer? Seine Mutter ist Lehrerin, der Vater Neurologe, zuerst Professor in Breslau, wo Dietrich Bonhoeffer als sechstes von acht Geschwistern am 4. 2. 1906 geboren wird. Ab 1912 lebt die Familie in Berlin. Es ist eine musisch aufgeschlossene Familie, politisch wach, angesiedelt zwischen der liberalen „Vossischen Zeitung“ und dem sozialdemokratischen „Vorwärts“. Seit 1930 ist sie sicher: „Hitler wählen bedeutet Krieg!“. Geprägt wird sie stark durch die Natur und Rechtswissenschaften, die in der Verwandtschaft wie in der Nachbarschaft Ausbildungs- und Berufsgänge in diskussionsfreudigen Runden bestimmen.[i]

Dietrich Bonhoeffer studiert von 1923 bis 1927 Evangelische Theologie in Tübingen, Rom und Berlin, promoviert mit 21 Jahren über das Verständnis von Kirche in soziologischer und theologischer Sicht (Sanctorum Communio). Eine Schlüsselthese dieser Arbeit versteht die christliche Gemeinde als eine irdische Existenzform von Jesus Christus („Christus als Gemeinde existierend“). So kümmerlich die Kirche auch ist, sie verkörpert im wahrsten Sinne Jesus Christus. Sie gibt ihm Realität und Gestalt im Diesseits. In einer anderen Lebensform sind „die Mühseligen und Beladenen“ auf dieser Erde der Christus, in denen er sich finden lässt. „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“ – dieses Bibelwort (aus den Sprüchen Salomons 31,8) wird zum Lebensmotto Bonhoeffers. Beide Aspekte seines Kirchenverständnisses lenken seinen äußerst kritischen Blick auf die Wirklichkeit, gerade auch der „stumm Gemachten“ und erwarten ein verantwortliches Handeln, das der anderen Wirklichkeit, der Christus-Existenz gerecht zu werden versucht.

II

1930 habilitiert Bonhoeffer sich (Akt und Sein), geht aber erst noch einmal (1930/31) für ein Studienjahr nach New York an das „Union Theological Seminary“. Hier hat er zwei entscheidende Begegnungen: Einmal mit dem aus der französischen Hugenotten-Tradition stammenden Mitstudenten Jean Lasserre, dessen Pazifismus in einer ernst genommenen Bergpredigt wurzelt. Zum anderen schließt er Freundschaft mit Frank Fisher, einem schwarzen Baptistenpfarrer in Harlem, in dessen Gemeinde er mitarbeitet: Dort lernt er die ganze Schärfe der sog „Rassenfrage“ kennen – eine Frage, die nach einem Wort M. L. Kings immer das Problem der Mehrheitsgesellschaft ist: „The Negro-Question is the Problem of the Whites, of the Majority“. Niemöller nennt 1933 die sog Judenfrage eine „Arierfrage“. Die zum Problem definierte Minderheit ist in Wahrheit das Problem der sich oft normativ verstehenden und machtvollen Mehrheitsgesellschaft.

Nach seiner Rückkehr aus den USA, die ihm viele internationale/ökumenische Kontakte einbringt, nimmt er seine Arbeit an der Berliner Universität auf. Die in den USA und Europa geschlossenen ökumenischen Kontakte werden für seine spätere konspirative Arbeit wertvoll. In Cambridge wird er im selben Jahr 1931 zum Jugendsekretär des Internationalen Versöhnungsbundes (1914 am Tag des Kriegsanfangs gegründet!) gewählt. Diese ökumenische Initiative christlicher Friedensarbeit wendet sich gegen jede Theorie eines gerechten Krieges und verlangt Kriegsdienstverweigerung. Zu ihren Vorsitzenden gehören Albert Luthuli (ANC-Gründer) und später Martin Luther King, aber als Mitglieder auch die als Kriegsdienstverweigerer in Deutschland 1940 bzw 1944 hingerichteten Hermann Stöhr und Max Joseph Metzger.

Als Privatdozent ist er zu Vorlesungen bzw. Seminaren verpflichtet, eine Stelle ist damit nicht verbunden. Seine Kirchenleitung ordiniert Bonhoeffer zum Pfarrer in einer Kirchengemeinde im Wedding, er richtet eine „Jugendstube“ für arbeitslose Jugendliche ein, wird nebenamtlicher Studentenpfarrer an der TH Berlin. Dies bleibt allerdings erfolglos; die Studentenschaft war schon vor 1933 – wie an den meisten Universitäten - mehrheitlich nationalsozialistisch. Er stößt auf die Abwehr einer stark rechts orientierten akademischen Jugend.

III

Ein erster und letzter Rundfunkvortrag des jungen Pfarrers endet damit, dass man ihm im Februar 1933 das Mikrophon ausschaltet, als er davor warnt, dass aus dem Führer der „Verführer“ werden kann. Dann habe jede Gefolgschaft aufzuhören. Die Abschaltung ist ein früher Beleg dafür, wie rasch die Medien sich hatten gleichschalten lassen. Bonhoeffer bleibt bei seiner Kritik an der Kirche, die sich zwar gern auf Luthers unbeugsames Gewissen beruft „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ und gleichzeitig in ihrer Mehrheit opportunistisch beweist: „Wir können auch anders!“

Die Bewährung seines Weges kommt mit dem Jahr 1933. Das Ermächtigungsgesetz, der staatlich angeordnete Boykott jüdischer Geschäfte sowie das Berufsverbot für Juden im öffentlichen Dienst verlangen eine klare Position. Er trägt sie schon im April 1933 vor. Der Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“ [ii] formuliert drei Handlungsanweisungen für eine ihrer Aufgaben bewusste Kirche:

1. Die Kirche hat den Staat nach der „Legitimität“ seines Handelns zu fragen. Nicht alles was er tut, ist legitim – gemessen an den biblischen Hauptworten Recht und Gerechtigkeit. „Legal“ ist fast alles, was der NS-Staat tut, dazu produziert er bis 1945 ca. 2000 Gesetze und Erlasse. Eine servile Rechtswissenschaft und –praxis steht – nach Ausschaltung der Opposition - Partei und Staat zur Verfügung.

2. Die Kirche hat nicht nur für die Opfer aus den eigenen Reihen einzutreten, sondern für alle Opfer staatlicher Gewalt. Diese Position unterscheidet ihn damals von M. Niemöller. Dieser beschränkt seine „contra-antisemitische“ Aktion im Wesentlichen auf die sog. „Nichtarier“ unter den Kirchenmitgliedern. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass jeder noch so beschränkte Widerstand ebenso politisch wie exemplarisch wirkt und verstanden wird. Der früh total gewordene Staat verfolgt jeden Nonkonformismus – wenn seine zivilcouragierten VertreterInnen allein bleiben. Aber es gibt in allen Berufsgruppen und Institutionen zu wenig Menschen, die ein solches „exemplarisches Lernen“ im eigenen Berufsfeld riskieren. Anpassung, damals offiziell Gleichschaltung genannt, ist bekömmlicher.

3. Damit nicht immer neue Opfer entstehen, ist „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Damit greift Bonhoeffer (übrigens später noch häufiger) das Bild vom rasenden Fahrer auf, den man nur mit Gewalt vom Steuer wegreißen muss, damit er die Mitreisenden nicht in die Katastrophe steuert. Es ist ein Bild, das z.B. der Herborner Theologe und Jurist Johann Althusius (1612 natürlich im Bild von Schiff, Kapitän und Steuerrad) benutzt, um den Tyrannenmord christlich zu legitimieren.[iii] Die Frage wird im Kreisauer Kreis wie in anderen Widerstandsgruppen heiß und kontrovers diskutiert werden.

Das Kriterium für ein solches christliches Eingreifen liefert das Recht: Gibt es eine Gruppe, die durch Ordnung und Recht so eingeschnürt ist, dass ihr die Luft zum Leben ausgeht, oder ist sie so rechtlos, dass sie vogelfrei ist, dann ist dieses christliche Handeln geboten. D. Bonhoeffer ist über seinen Schwager Gerhard Leibholz mit dem Gedankengut von Gustav Radbruch vertraut, der – als religiöser Sozialist – „ein übergesetzliches Recht“, also Werte wie Gerechtigkeit, Rechtssicherheit und Zweckmäßigkeit vertritt.[iv]

Damit das nicht zu abstrakt klingt, seien die wegweisenden Werte mit Bonhoeffers eigenen Worten aus der von ihm aufmerksam und kritisch wahrgenommenen Wirklichkeit zitiert: „Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichlichem Wert, dass wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, der Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben.“ So schreibt er an seine Freunde und Familie 1943, als er zehn Jahre NS-Regime bilanziert.[v] Diese knappen Seiten, kurz vor seiner Verhaftung geschrieben, sind eine glänzende Analyse der Zeit durch einen Menschen, der die Zeit nicht passiv als Schicksal, als Zu- oder Wegschauer hinnehmen kann. Daran hindert ihn die Wirklichkeit der Leidenden wie die Wirklichkeit des Christus.

Er fragt sich – um nur einige Gedanken aus diesem sehr dichten Text zu nennen – warum „die Vernünftigen“ versagen. Vernunft, Pflichtbewusstsein, Prinzipienethik, Gewissen und Freiheit, Tugenden oder Werte also, lassen sich missbrauchen. Er fragt, was es bedeutet, dass „Dummheit“ keine intellektuelles Defizit ist, sondern ein moralisches. So viele kluge Leute sind Aktivisten und Mitläufer einer bösen Macht in Deutschland. „Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen!“ Warum gibt es in Deutschland so viel Tapferkeit und so wenig Civilcourage? „Die letzte, verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“[vi]

IV

Die Einsicht in die Irrwege der Kirche und seines Volkes ist bei ihm früh da. Er formuliert sie 1941 in einem Schuldbekenntnis seiner eigenen Kirche, in dem es heißt, „Die Kirche war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie…Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass, Mord, gesehen zu haben, ohne ihre Stimme zu erheben…Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi.“[vii] Ich zitiere dieses Wort, weil es den konkreten Grund für den Widerstand nennt: Bedrohung und Vernichtung des Lebens Unschuldiger. Es geht um die Existenz derer, die keine andere „Schuld“ haben als jüdisch geboren zu sein bzw. als jüdisch durch staatliche Gesetze definiert zu sein. Dietrich Bonhoeffer solidarisiert sich mit allen Juden. Sie alle sind leibliche Geschwister Jesu. Jesus selbst war Jude, seine Geschwister zu vertreiben bedeutet die Vertreibung Christi aus Europa, schreibt er in seiner (Fragment gebliebenen) Ethik 1941. Im Einzelnen des für seine Kirche und in Solidarität mit ihrer Schwäche geschriebenen Schuldbekenntnisses geht es um Willkür, um die Verursachung von körperlichem und seelischem Leiden, um unmenschliche Unterdrückung, um Hass und schließlich um Mord.

Im Oktober 1941 gelingt die mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi geplante und durchgeführte Rettung von 15 Juden über die grüne Grenze in die Schweiz. Alle 15 waren mit falschen Pässen ausgestattet und als Mitarbeiter des Amtes Canaris (Amt Ausland / Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht) angeblich zur Spionageabwehr ins neutrale Ausland gesandt. In diesem Amt arbeitet seit 1938 auch Bonhoeffer. Er steht zu seiner Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, eine Entscheidung, die seit seinem Studienaufenthalt in den USA, seit seinen (brieflichen) Kontakten mit Mahatma Gandhi und seit seiner Auslegung der Bergpredigt vor seinen Studenten und Vikaren (1937 noch unter dem Titel „Nachfolge“ erschienen) feststeht. Diese Entscheidung wird in ständiger Prüfung der politischen Konzepte und Praxis eines verbrecherischen Regimes bekräftigt.

In der schon genannten „Ethik“ findet auch eine Auseinandersetzung mit Immanuel Kants Pflichtenethik statt. Dessen Regel, dass jeder so handeln soll, dass „die Maxime seines Handelns zum Prinzip einer allgemeingültigen Gesetzgebung“ werden könnte (I. Kant) wird von Bonhoeffer in Frage gestellt, dass gerade das biblische Gebot um des Menschen und der Menschlichkeit Jesu Christi willen nicht „Prinzip“, nicht „Allgemeingültigkeit“ sei. Es müsste im konkreten Fall, dass z.B. im Hause I. Kants ein Jude verborgen sei, von Kant gelogen werden, um den dort versteckten Freund zu retten. Dieselbe Frage handelt er in dem Aufsatz ab „Was heißt die Wahrheit sagen?“. In seinem Beispiel lügt der Lehrer, der den Schüler fragt, ob sein Vater gestern wieder betrunken gewesen sei, obwohl der Vater tatsächlich betrunken war. Das Kind verneint, ethisch legitim in diesem Fall, weil seine Intimsphäre und die der Familie nicht so verletzt werden dürfe. Die Lüge liegt in der Frage, nicht in der Antwort. Die Beispiele Bonhoeffers machen klar, dass es „Regelverstöße“ geben darf, die die Gebote zur Wahrheit oder das Verbot des Tötens nicht außer Kraft setzen, aber unter Schuldübernahme Menschenleben und Menschenwürde retten müssen.

V

Sein Freund und Vorgesetzter ist der Potsdamer Pastorensohn General Hans Oster, ein Konfirmand Martin Niemöllers. Dieser weiht ihn 1938 in die ersten Umsturzpläne ein. Er wird UK (unabkömmlich) gestellt. Er arbeitet als V-Mann der Abwehr und zugleich als illegaler Mitarbeiter in der Ausbildung der Bekennenden Kirche.[viii]

Er bekommt Aufenthaltsverbot für Berlin. Sein illegales Predigerseminar, seit dem ersten Verbot 1937, konnte er bis 1940 getarnt in Pfarr- und Gutshäusern Pommerns fortführen. In der Abwehr ist er ein Fachmann für breite internationale Kontakte, die er nutzt, um über die Vorgänge in Deutschland, konkret über Judenverfolgung und Widerstandsbewegung, zu informieren. So reist er im März 1939 nach England. Im Juni versuchen us-amerikanische Freunde ihn in die Emigration zu retten. Er fährt tatsächlich nach New York, enttäuscht seine Freunde, die einen Lehrstuhl für ihn vorgesehen hatten. Kurz vor Kriegsausbruch kehrt er zurück. An Reinhold Niebuhr schreibt er: „Es war ein Fehler von mir, nach Amerika zu kommen. Ich muss diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben!“ Das Mitleiden mit den Leidenden ist für ihn zugleich ein Mitleiden mit dem in seinen Ebenbildern leidenden Gott oder Christus. Es ist alles andere als passiv. Immer ist „die verantwortliche Tat“ die allein glaubwürdige Sprache des Glaubens.

Mit dem Justitiar der Bekennenden Kirche, Friedrich Justus Perels, gemeinsam stellt Bonhoeffer im Oktober 1941 zwei große Berichte über die in Berlin begonnenen Massendeportationen zusammen. Einmal waren sie für jenen Teil des Militärs bestimmt, das – immer wieder zögerlich und in gespaltenen Loyalitäten – zum Attentat gedrängt werden sollte. Zum anderen macht er die Informationen auf seinen Reisen 1941 und 1942 den Schweizer Freunden im Ökumenischen Rat der Kirchen bekannt. Bei einer Reise im April 1942 mit Helmuth James Graf von Moltke nach Norwegen, wo er mit seinem Freund Bischof Bell von Chichester zusammentrifft, informiert er über die Genfer Freunde die Londoner und Washingtoner Regierung. Ähnliche Informationen, auch über den deutschen Widerstand, transportiert er im Juli 1942 mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi in den Vatikan. Die Alliierten haben sich aber auf eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands festgelegt. Sie misstrauen der Stärke und dem Personal des Widerstands.

Bonhoeffer geht seinen Weg vom Pazifisten zum Verschwörer in intellektueller Auseinandersetzung mit den weit verbreiteten Theorien vom „gerechten Krieg“ gegen den mainstream in Gesellschaft und Kirche. Und er geht ihn zunehmend in der Praxis. Schon 1931 spricht er als Jugendsekretär des Internationalen Versöhnungsbundes in Cernohorske Kupele (CSR) auf einer internationalen Jugendfriedenskonferenz. „Es ist nun aber ein heute sehr verbreiteter Irrtum, zu meinen, die Rechtfertigung des Kampfes sei bereits die Rechtfertigung des Krieges.“ Ein heutiger Krieg bedeutet die „sichere Selbstvernichtung beider Kämpfender“…darum muss der heutige Krieg, also der nächste Krieg der Ächtung durch die Kirche verfallen….Wir sollten uns nicht vor dem Wort Pazifismus scheuen.“[ix] Kampf ist etwas anderes: Es bedeutet für ihn ab 1938 die Teilnahme an Versuchen, Hitler und damit ein Unrechtsregime zu beseitigen – auch mit Gewalt.

VI

1934 auf einer ähnlichen Tagung in Dänemark (Fanö) verlangt er von den Christen, sie sollten die Teilnahme am Krieg verweigern. Der deutschen Regierung mache ein Boykott des Kriegsdienstes durch Millionen Christen ihre Aggressionspläne zunichte. Ein Konzil aller christlichen Kirchen solle dazu aufrufen. Bei seiner Reise nach Norwegen 1942 trifft er sich mit Repräsentanten der Evangelischen Kirche, die die deutschen Besatzer mit passivem Widerstand massiv behindern.

1934 fragt er in Fanö auf einer Jugendtagung: „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D.h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden – worauf warten wir noch? Wollen wir selbst mitschuldig werden wie nie zuvor?“[x] Bonhoeffer plädiert in der Zeit deutscher Hochrüstung (1934!) und Arbeitsplatzbeschaffung für eine eindeutige Haltung der Christen und Kirche: Nein! Nicht mitmachen sollen Christen bei Rüstung und Kriegsvorbereitung. Gehör findet er kaum. Gandhi, zu dem er bereits Kontakt geknüpft hat, lädt ihn ein, aber seine Arbeit in der illegalen Theologenausbildung lässt ihm keine Zeit mehr für ein Treffen mit ihm.

Seine Absage an Soldatenausbildung und Kriegsdienst bedeutet nicht, auf den Kampf gegen das NS-Regime zu verzichten. Die alte christliche Tradition des Tyrannenmordes wird heftig diskutiert. Den Kreisauer Kreis zerreißt diese Frage fast. Bonhoeffers Gewissensentscheidung ist bereit, schuldig zu werden, um durch die Ermordung eines Mörders nicht größere Schuld sich aufzuladen. Bei einem der misslungenen Attentatsversuche wird seine Haltung praktisch. Im Januar 1943 wird eine Bombe in Hitlers Flugzeug nach Smolensk geschmuggelt (Henning von Treskow): Sie wird von Bonhoeffer im Auto seines Vaters zum Flughafen gefahren, aber sie explodiert nicht.

Im April 1943 wird er verhaftet, zunächst wegen Kriegsdienstverweigerung (Zersetzung der Wehrkraft). Nach dem Zossener Aktenfund (der vom Amt Canaris versteckten Widerstandsunterlagen) kommt seine Beteiligung am Widerstand in der Bekennenden Kirche und im Umfeld des 20. Juli heraus. Über Buchenwald wird er im Frühjahr 1945 ins KZ Flossenbürg gebracht und dort mit Canaris und Hans Oster gehängt. Sein Bruder Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa, darum bemüht, Kontakt zu den Widerstandsgruppen der Arbeiterschaft, des Militärs und der Wirtschaft zu halten, wird - wie seine Schwäger Hans von Dohnanyi, Rüdiger Schleicher und der Justitiar der Bekennenden Kirche Perels - mit anderen zur gleichen Zeit in einem Berliner Bombenkrater erschossen. Zum Bonhoeffer – Dohnanyi – Kreis gehörten auch Ernst von Harnack, Sohn des berühmten Kirchenhistorikers und Gründers der „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“, später „Max-Planck-Gesellschaft“, und SPD-Mitglied, ein Verbindungsmann zu Wilhelm Leuschner, die alle im Frühjahr 1945 ermordet wurden.

VII

Thesen für eine Diskussion

1.Das Gewissen Martin Niemöllers ist geprägt durch einen in der NS-Diktatur von Militärcourage (als U-Bootkapitän) auf Zivilcourage transformierten Mut, gegenüber jedem staatlichen oder ideologischen Anspruch frei zu sein, verantwortlich für die unverletzliche und gleiche Würde bedrohter Menschen sowie nonkonformistisch für die Freiheit der christlichen Verkündigung (er bezeichnet dies später als schuldhafte Einschränkung) einzutreten.

2. Er wird seine Konsequenz aus dem sog „Kirchenkampf“ derart ziehen, dass Recht und Freiheit der Einzelnen keiner Macht der Welt geopfert werden dürfen. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Ap.Gesch. 5,29). Dazu kommt, dass nach einem Vernichtungskrieg (1939 – 45) und angesichts von Massenvernichtungsmitteln Gewalt und Krieg für ihn nach 1945 keine Mittel der Politik mehr sein können. „Eine Welt oder keine“ – markiert sein „globales“ Gewissen, das an den Aufgaben des Friedens und der internationalen Gerechtigkeit arbeitet.

3. Das Gewissen Dietrich Bonhoeffers ist durch eine Parteinahme geprägt, für Recht und Wahrheit gegen Gewalt und Lüge, besonders in der Gestalt von Krieg und Propaganda einzutreten - zugunsten der Menschen „unten“, der „Leidenden“, der „Unterdrückten“. Sein verantwortliches Handeln schließt seine Bereitschaft zur Schuldübernahme, z.B. zum Lügen oder zum Tyrannenmord, ein. Das bearbeitet er in kritischer Auseinandersetzung mit der Kant’schen Ethik. Die biblische Wahrheit verlangt aber auch, die Schuld klar zu benennen und zu bekennen.

4. Niemöller wie Bonhoeffer gewinnen ihre Freiheit zum widerständigen Denken und Handeln in der Rückbeziehung auf eine einzige Instanz, die als der biblische Gott oder Christus alle anderen Autoritäten mitsamt ihren totalen Ansprüchen relativiert. Thomas Mann veröffentlicht in den USA Niemöllers Predigten (vor der Verhaftung) und sieht seinen Freimut in der Haltung begründet „God is my Fuehrer“.

5. Beide lehnen Gleichgültigkeit oder Neutralität gegenüber staatlichen Maßnahmen ab.

6. Beide beginnen ihre Verantwortung öffentlich wahrzunehmen im direkten beruflichen Umfeld der christlichen Gemeinde, der Universität sowie des Freundes- und Familienkreises. Beide bauen mit Gleichgesinnten eigene Widerstandsstrukturen auf (Bekennende Kirche, Spionageabwehr), um ihre Institutionen auch strukturell zum Widerstand herauszufordern.

7. Was sie zunächst innerkirchlich tun, wird von der gegnerischen Seite zu Recht als politischer Widerstand empfunden und als solcher auch bestraft (Niemöller hat bei seiner Verhaftung 1937 schon 40 Strafverfahren am Hals), weil Staat und Parteien keine Sektoren außerhalb ihrer totalen Kontrolle dulden - vor allem nicht, wenn die völkische und rassistische Grundlage der deutschen Staatsdoktrin in Frage gestellt wurde.

 

i An Biographien sind zu nennen: Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe-Christ-Zeitgenosse. Güterssloh 2004, 8.Aufl.; Ders., Dietrich Bonhoeffer. rororo Bildmonogrphieen.50684, Reinbek bei Hamburg 2006; Renate Wind, Dem Rad in die Speichen fallen. Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer. Gütersloh 2006. 3. Aufl.

ii D. Bonhoeffer, Ges. Schriften, (Hg E. Bethge),Bd II. München 1959, S. 44ff.

iii Vgl Fritz Bauer, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dokumente der Jahrtausende. Frankfurt am Main 1965, hier S. 108ff.

iv Christoph Strohm, Theologische Ethik im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Der Weg Dietrich Bonhoeffers mit dem Juristen Hans von Dohnanyi und Gerhard Leibholz in den Widerstand. München 1989.

v Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. DBW Bd. 8. München 1998, S. 19 bis 39.

vi A.a.O. S.25.

vii D. Bonhoeffer, Ethik, DBW Bd 6, S. 130.

viii Chr. Gremmels/H. W. Grosse, Dietrich Bonhoeffers Weg in den Widerstand. Gütersloh 1996: S. Dramm, V-Mann Gottes und der Abwehr? Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand. Gütersloh 2005.

ix D. Bonhoeffer, GS Bd 1, S.154f = DBW Bd 11, S. 340.

x DBW Bd13. S. 300f.

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