April 4, 2026
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Aus der Nacht in den Morgen

Dr. Johannes Andreas van Kaick

(Autorenprofil: Studium der Philosophie und Theologie, zudem Elektrotechnik, in Frankfurt am Main, Rom und Innsbruck)

 

Vor einiger Zeit machte ich in den Bergen eine Wanderung bei der ich aus der Nacht in den Morgen unterwegs war.

Es war dunkel, so dunkel, dass sich mir mein vor mir liegender Weg sprichwörtlich erst im Gehen zeigte. Der Pfad auf dem ich ging war schmal und stieg leicht an. Sein Verlauf hob sich nur schwach von der dunkelgräulichen Umgebung in einem etwas helleren Grauton ab. Ich befand mich irgendwo am Berg unterhalb der Baumgrenze im Wald. Um mich herum hörte ich in einiger Entfernung leise Knack-Geräusche von brechendem Reisig. Meine Sinne waren geschärft. Dennoch empfand ich tiefe innere Ruhe, Wärme und ein Gefühl von Geborgenheit (Psalm 23,4). Es duftete nach Nadelbäumen und grünem Waldboden.

Unmerklich wurde es langsam heller. Ich verließ die Baumgrenze. Für einen kurzen Moment hielt ich inne und nahm um mich herum schemenhaft meine Umgebung wahr. Stille. Sanft strich Wind um mein Gesicht. Noch immer empfand ich tiefe innere Ruhe. Mir kam der Psalmvers in den Sinn: »Bei Gott allein wird ruhig meine Seele, von IHM allein kommt mir Rettung« (Psalm 62,1). Es wurde langsam Morgen. Zwischen Himmel und Erde war in schwachem, diffusem Licht ein prächtiges Farbspiel zu erkennen, bei dem das anfänglich violette Licht in ein schwaches Rot überging, dann zu einem sanften Rosa wechselte und schließlich in einem warmen Orange heller wurde.

Dem Weg folgend ging ich weiter den Berg hinauf. Frühnebelfelder wurden sichtbar. Die Luft hatte einen frühlingshaft frischen und angenehm würzigen Duft. Auf meiner Kleidung bildeten sich vereinzelt winzige Tautropfen. Ich hielt wieder inne und ließ meinen Blick erneut um mich herum schweifen. Die Landschaft wurde sichtbar. Es wurde zunehmend heller. Vogelstimmen waren zu hören. Nun war es so weit: Sonnenaufgang. Überraschend beobachtete ich vor mir im Frühnebel einen kleinen diffusen weiß-gold-gelben Lichtpunkt am Horizont, der langsam deutlich größer, klarer und heller wurde. Die Sonne ging auf und ich spürte nach nur kurzer Zeit die wohlige Wärme auf meiner Haut. Ein neuer Tag hatte begonnen. Tatsächlich war es Sonntag. In stiller Betrachtung kamen mir die Worte der Osternacht-Liturgie: »Lumen Christi – Deo gratias« in den Sinn, sowie der Satz der Benedikts-Regel: »Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht« (RB, Prolog, 9), wie auch der Vers: »In DEINEM Licht schauen wir das Licht« (Psalm 36,10).

Ostern ist im Glauben die Verheißung an uns, dass wir, durch das Dunkel der Nacht hindurch, im Licht des neuen Morgens, erfüllt von Freude, Liebe und Dankbarkeit SEIN unvergängliches Licht schauen werden, und dass unser Leben in Fülle, in Ewigkeit (2 Korinther 4,18) kein Ende hat.