Atheist? Nein, Suchender![1]
Pater Cheriyan Menacherry CMI
Oft treffen wir Menschen, z. B. in unseren Familien, im Verwandten- oder Freundeskreis, die Schwierigkeiten mit ihrem Glauben haben. Diese sagen: «Ich glaube nicht an die Lehren der Kirche; ich glaube nicht an Gott, ich bin ein Atheist.» Und sie beginnen mit uns zu argumentieren, dass es besser wäre, Sport zu treiben oder Kulturveranstaltungen zu besuchen, als etwas mit dem langweiligen Glauben zu tun zu haben. In dieser Situation fehlen uns oft die richtigen Worte. Wie kann man mit Menschen, die nicht glauben, ins Gespräch kommen?
«Herr, zeig uns den Vater, das genügt uns.» (Joh 14, 8). Diese Aussage des Philippus an Jesus gerichtet, ist so ähnlich, wie wenn jemand sagt: «Ich brauche nur die Gotteserfahrung. Diese würde mir für mein Leben genügen. Weiter brauche ich nichts!» Diese Aussage des Philippus ist der höchste Grad von einem mystischen Verlangen nach Gott. Dieser Durst nach Gott ist ohne Schwierigkeiten bei den heiligen Männern und Frauen in der Bibel und bei den Heiligen der Kirche zu finden. Auch Mose dürstet es nach Gott in der Wüste und am Berg Horeb, wo er Gott begegnete und unbedingt Gottes Namen wissen wollte (vgl. Ex. 3, 13).
Gottes Namen zu wissen, bedeutet nicht einfach, uns den Namen Gottes ins Bewusstsein zu bringen oder uns daran zu erinnern. Im biblischen Sinn heißt Gottes Namen zu wissen, Ihm persönlich zu begegnen. Im Psalm hat König David diesen Durst nach Gott klar ausgedrückt: «Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,/ so lechzt meine Seele, Gott, nach dir.» (Psalm 42, 2). Auch der heilige Augustinus hat diesen Durst nach Gott klar zum Ausdruck gebracht als er sagte: «Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir, o Gott).[2]
Nicht nur die Heiligen, alle Menschen haben diesen Durst nach Gott.
In einer großen Studie hat die britische Universität Oxford herausgefunden, dass die Menschen von Natur aus religiös sind. Menschen haben eine «eingebaute» Neigung an Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben. Das ist die Schlussfolgerung eines internationalen Forschungsprojektes, das diese Universität über drei Jahre durchgeführt hat. Beteiligt an dem Projekt waren 57 Forscher, die mehr als 40 Studien in zwanzig religiös und atheistisch geprägten Ländern produzierten. Der Co-Direktor, der Philosophieprofessor Roger Trigg, sagte bei der Vorstellung der Untersuchung, dass das menschliche Denken darauf ausgerichtet ist, die Welt in einer religiösen Dimension zu sehen. Glauben an Gott ist also fast ein übernatürlicher Instinkt.[3]

Der Grund für diesen übernatürlichen Instinkt in der biblischen Sprache heißt: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.“ (Gen1,23). Alle Menschen haben diesen Durst nach Gott. Selbst, wenn viele dies in ihrem Bewusstsein nicht merken bzw. es nicht wahrhaben wollen.
Eigentlich kann niemand im richtigen Sinn ein Atheist sein. „Der Unglaube ist auch nur ein Glaube.“ (Arnold Stadler, Schriftsteller) [4]
Scheinbar gibt es für Paul Tillich keinen Atheismus, denn alle haben eine feste, endgültige Überzeugung. Alle fühlen sich von dieser Überzeugung ergriffen. Es ist eine Art Glaube, religiöse Überzeugung, Gott, selbst wenn man diese mit verschiedenen säkularen Worten benennt.[5]
Eher als ein Atheist, kann man ein Agnostiker sein. Diese sagen: «Wir wissen nicht, ob es Gott gibt oder nicht.» Agnostiker legen sich nicht fest, ob es einen Gott oder keinen Gott gibt. Agnostiker wissen es nicht, also glauben sie auch nicht. Es ist möglich, dass viele Menschen zu dieser Kategorie gehören. Für diesen Menschen hat Arnold Stadler einen Rat: „Der Glaube an etwas ist jedoch viel schöner als der Glaube an nichts.“[6]
Positiv ist hier, dass einige unserer Mitmenschen, die nicht glauben, auf der Suche sind – Suche wonach? Auf der unbewussten Suche nach Gott! Irgendwann gelingt es ihnen; denn nicht allein die Menschen suchen nach Gott, sondern Gott ist auch auf der Suche nach diesen Menschen, die Ihn leugnen.
Genau über diesen suchenden Gott hat Papst Franziskus zum Ausdruck gebracht: „Es ist ein Gott, der läuft und uns sucht, denn er hat eine gewisse, liebende Schwäche für die, die verloren gegangen sind.“ „Und wie sucht er sie?“ so fragt Papst Franziskus weiter. Seine Antwort: „wie der Hirte, der in das Dunkel geht, bis er sie findet….“[7]
Gott sucht nach den Verlorenen! Dies ist für alle, die sich Sorgen machen wegen des Unglaubens einiger Familienmitglieder, Bekannter und Freunden, tröstlich und motivierend.
Jesus Christus sucht nach seinen verlorenen Schafen. Doch irgendwann finden die verlorenen Schafe den Hirten Jesus Christus. Jesus sagt zu Philippus: «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.» (Joh 14, 9).
[1] Cheriyan Menacherry, „Atheist? Nein, Suchender!“ Cheriyan Menacherry, Wahrheit macht frei: Nachsinnen der Worte Jesu, Mauritius: Fromm Verlag, 2019, pp. 144-147.
[2] Augustinus, Conf. 1,1, wie in
http://www.augustiner.de/files/augustiner/downloads/Oekumenisches_Tischgespraech_2009.pdf
[3] Wie in, Newsletter von Radio Vatikan – 18.5.2011
[4] ARNOLD STADLER, „Warum wir Ostern brauchen, “ Focus 17/2011, S. 52.
[5] “Faith is the state of being ultimately concerned. The content matters infinitely for the life of the believer, but it does not matter for the formal definition of faith.” https://quotepark.com/authors/paul-tillich/
[6] Arnold Stadler, „Warum wir Ostern brauchen, “ Focus 17/2011, S. 52.
[7] Papst Franziskus, „Die Liebe Gottes gilt dem verlorenen Schaf: Predigt des Papstes in Santa Marta“ 7. NOVEMBER 2013, in Zenit, https://de.zenit.org/articles/die-liebe-gottes-gilt-dem-verlorenen-schaf/