Ruhe in der Stille
Dr. Johannes Andreas van Kaick
Bei einer Wanderung in den Bergen führte mich mein Weg vor einiger Zeit durch eine traumhaft verschneite Winterlandschaft.
Es war beginnender Abend und die bereits tiefstehende Sonne verlieh den Berggipfeln um mich herum einen leuchtenden orange-rötlichen Glanz. Auf den Nadelbäumen glitzerten im letzten Sonnenlicht die Schneekristalle. Ich blieb stehen und ließ meinen Blick ins Tal schweifen. Leise hörte ich von weit her das Läuten einiger Kirchenglocken. Als ihr heller Klang verhallte, war es um mich herum völlig still. Erfüllt von der äußeren Stille wurde es auch in mir ruhiger.
Ich ging gemächlich weiter bergauf. Bei jedem Schritt den ich machte, war ein leises Knarren des Schnees unter meinen Füßen zu hören. Es wurde allmählich dunkler und damit auch kühler. Dennoch konnte ich infolge des frischen Schnees meinen Weg gut erkennen. Nach und nach rückten die Sterne aus den Tannenspitzen in den Nachthimmel. Ich hielt erneut kurz inne und schaute auf in den klaren, tiefdunklen Himmel, der voll unzähliger winzigen Lichtpunkte war, die in der kühlen Luft leicht zu flackern schienen.
Ich setzte meinen Weg fort und bemerkte vor mir in einiger Entfernung ein kleines bernsteinfarbenes Licht. Im Schein der Sterne erkannte ich nach einiger Zeit im Schnee eine weiße Bergkapelle. Schwach strahlte das Licht im Innern durch die Fenster und die leicht angelehnte Eingangstür. Behutsam öffnete ich die schwere Tür aus massivem Holz.
Der Innenraum war geheimnisvoll von einer einzigen Kerze erhellt, die mildes Licht, wie auch Wärme zu verströmen schien. Im Altarbereich befand sich frischer Blumenschmuck, dessen angenehmer Duft sich mit dem der brennenden Kerze im Raum der Kapelle vermischte. In einer alten, kunstvoll gearbeiteten Holzbank sitzend spürte ich – erfüllt von Dankbarkeit für diesen Augenblick – in der Stille des späten Abends tiefe Ruhe, Freude und inneren Frieden.
In stiller Betrachtung kam mir das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (16. Jahrhundert) in den Sinn, wie auch das bekannte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ (19. Jahrhundert).
Die stille und heilige Nacht ist auch der sogenannte Heilige Abend, der Vorabend des Weihnachtsfestes. Liturgiegeschichtlich ist dies kalendarisch zudem der Zeitpunkt der Wintersonnenwende. Ab dem 25. Dezember nimmt die Sonne zu, die Tage werden länger, heller und wärmer, und die Natur wird grüner und fruchtreicher.
So wünsche ich Ihnen persönliche Zeiten der Ruhe in der Stille, um den Weg des HERRN zu bereiten (Lk 3,4) und um wach zu sein für SEIN Geschenk der Liebe, des Lichts, der Freude, des inneren Friedens und des Lebens in Fülle, das ER jedem Menschen zugedacht hat. Ihnen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest und eine gnadenreiche Weihnachtszeit.